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08.09.2018

ANDERTHALB MAL UM DIE ERDE

Thomas Voelker aus dem Saarland schwärmt trotz der großen Entfernung für die Rot-Weißen. Für den gebürtigen Dessauer schließt sich mit der Rückkehr in den Osten ein Lebenskreis. Sein neues Transparent hat im Erdgas Sportpark einen Ehrenplatz bekommen.

Die unglaublichsten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Wenn man erfährt, wie Thomas Voelker zum HFC-Fan wurde, kann man dem nur beipflichten. Der heute 67-jährige Pensionär hätte bis vor ein paar Jahren selbst nicht daran gedacht, dass er einmal sein Fußball-Herz an die Rot-Weißen verlieren würde. Schließlich wohnt er in Püttlingen im Saarland - und das liegt 591 Kilometer von Halle entfernt. 1957 ist seine Familie aus Dessau über Berlin in den freien Westen geflüchtet. Da war Thomas Voelker gerade sechs Jahre alt. Er kann sich bis heute an viele Details der Zugfahrt mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder nach Westberlin noch genau erinnern. „Wir hatten Angst, dass wir bei den Kontrollen auffliegen“, erzählt er. Der Regierungsbeamte im Ruhestand ist immer noch emotional aufgewühlt, wenn er  an die Flucht denkt.

 Die drei landeten schließlich mit nur einem Koffer im Gepäck im Saarland, wo sein Vater ein neues Zuhause für alle gefunden hatte. Die Familie siedelte sich 1959 in Saarbrücken an. Einer Stadt, die Fußball-Geschichte geschrieben hat. Im Ludwigspark-Stadion schaffte die deutsche Nationalelf mit Trainer Sepp Herberge im März 1954 nach einem 3:1-Erfolg gegen das damals noch selbständige Saarland den Sprung zur Weltmeisterschaft in der Schweiz. Dort holte die Herberger-Elf im Sommer den ersten WM-Titel für Deutschland. Ein ganzes Land stand Kopf. Und eine Legende war geboren. Thomas Voelker interessierte sich erst als Jugendlicher für den Fußball.  Selbst gespielt at er nie. Als 16-Jähriger wurde er nach dem WM-Finale 1966 in England, als Deutschland unglücklich verlor, zum Anhänger des 1. FC Saarbrücken. Und das mit Inbrunst.

 „Ich stand da immer im D-Block beim harten Kern, oder den Hooligans , wie sie heute heißen würden“,  plaudert er aus seiner „wilden Jugendzeit“. Der Saarbrücker Verein zählte lange Zeit zu den deutschen Spitzenmannschaften im Fußball. Er gehörte auch zu den 16 Gründungsmitgliedern des Bundesliga. Seine Fans waren berühmt-berüchtigt. Wenn ein Spiel verloren ging, haben sie im D-Block aus Frust gleich mal die Vereinsfahnen verbrannt. „Das war radikal“, so Voelker. Drei Aufstiege und die gleiche Anzahl Abstiege hat er erlebt. Bis in die Oberliga ist er den Blau-Schwarzen gefolgt. Doch nach dem Absturz aus der 3. Liga im Jahre 2014 hat er dem 1. FC Saarbrücken den Rücken gekehrt. Auslöser war „ein Prozess der abartigen Selbstzerfleischung“, wie er es nennt, der Vereinsführung und die Anhänger gleichermaßen erfasst hatte. Sogar die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen wegen illegaler Telefon-Mitschnitte auf. „Es ging schließlich jeder gegen jeden, und das wollte ich nicht mehr mitmachen“, begründet er seinen Schritt, sich damals eine neue fußballerische Heimat zu suchen.

 Wie der Zufall es wollte, entdeckte Thomas Voelker in jenem Jahr in der Fernsehsendung „Sport im Osten“ bei einem Spiel des HFC ein Transparent auf dem „Dessau“ stand. Und er fragte sich, was seine Geburtsstadt mit diesem Verein zu tun habe. „Da hat es Klick gemacht“, erinnert sich der Fußballfan. Prompt fuhr er wenig später zum Auswärtsspiel der Hallenser nach Elversberg und mischte sich dort unter die HFC-Fans. Der erste, den er ansprach, entgegnete ihm, dass er aus Dessau sei, so wie viele Anhänger der Rot-Weißen.  „Das hat mich umgehauen“, gibt er unumwunden zu. Also fuhr der Saarländer nach Halle und erlebte dort am 5. April 2014 den denkwürdigen 4:3-Erfolg gegen Rostock. Mit dem „Thor-Hammer von Lindenhahn“, wie er den Siegtreffer in Anlehnung an einen germanischen Gott bezeichnet. „Die Stimmung war fantastisch, ich bin regelrecht geflogen“,  schwärmt er von diesem einschneidenden Erlebnis, das bei ihm immer noch Gänsehaut erzeugt. Seither ist er Feuer und Flamme für den Halleschen FC.

 Wann immer er kann, kommt er nach Halle oder fährt zu Auswärtsspielen. „Ich bin dankbar, das mein Frau dafür Verständnis hat“, sagt er. Auch seine Tochter, die Jura studiert, war schon einmal bei einer HFC-Partie im Erdgas Sportpark dabei. Inzwischen hat der saarländische HFC-Fan mit Bus, Bahn und Auto mehr als 60.000 Kilometer zurückgelegt. Thomas Voelker ist quasi anderthalb Mal um die Erde gefahren, um die Spiele seines Lieblingsvereins zu verfolgen. Der grandiose 2:0-Heimsieg gegen den 1. FC Kaiserslautern war die 47. HFC-Partie, die er live miterlebt hat. „Und das war für mich eine besondere Genugtuung, denn die Pfälzer sind die Erzrivalen des 1. FC Saarbrückens“, kommt bei ihm seine frühere Leidenschaft hin und wieder durch. In bisher 15 Städte ist er gereist, damit er die Rot-Weißen auswärts anfeuern konnte. Zuletzt war er in Zwickau dabei. Selbst bei Spitzenspielen der Regionalliga Südwest gegen Mannheim oder Offenbach, die er sich ab und zu anschaut, zieht er seine HFC-Kluft an und macht Werbung für die Saalestadt. Dort „tief im Westen“ trifft er auch viele ehemalige Hallenser. „Ich bin dort überall schon bekannt wie ein bunter Hund“, erzählt er und lacht.

 Mit seiner neuen Fußball-Liebe hat sich für ihn ein Lebenskreis geschlossen. Thomas Voelker, der  am 13. Oktober 1950 in Dessau geboren wurde, kehrte als HFC-Fan zurück in die Region, in der er verwurzelt ist. Er drückt es mit den Worten „Saarbrücken ist mein Zuhause, aber Dessau ist meine Heimat“, aus. Dort wurde er 1956 in der Schillerschule eingeschult. Er stammt aus einer gutbürgerlichen Familie. Sein Vater war Geschäftsführer der Schultheiss-Brauerei. Seine Ahnen haben schon vor über 450 Jahren in Mitteldeutschland gelebt. „Unsere Familie war immer in Sachsen, Anhalt und Thüringen angesiedelt“, hat er bei seiner Ahnenforschung herausgefunden.

 Den Stolz auf seine regionale Herkunft und die „innige Liebe zum HFC“, wie er sagt, hat er in einem Banner verewigt, das er seit 2015 überall mitnimmt. Darauf ist zusammen mit dem HFC-Logo zu lesen: „Ex Oriente Lux“ (Aus dem Osten kommt das Licht), verbunden mit den beiden Städtenamen Dessau und Saarbrücken. Zur aktuellen Saison hat er ein zweites Banner entworfen, das jetzt im Block 13 des Erdgas Sportparks einen Ehrenplatz bekommen hat. Darauf prangen neben dem HFC-Wappen im Lorbeerkranz auch die lateinischen Worte „Pia Ferrata Victrix“. Sie bedeuten: pflichtbewusst - eisern - siegreich. „Und so soll auch mein HFC sein“, umreißt Thomas Voelker seine Ansprüche an die Rot-Weißen. „Dann kommt alles andere von alleine.“ 

Von: WB

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