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11.09.2017

NOSTALGIE MIT HINDERNISSEN

Einmal in diesem Oldtimer sitzen. Einmal im Retro-Gefährt zum Auswärtsspiel fahren. Einmal den Duft der Nostalgie inhallieren. Vielleicht sogar der Freiheit in dem Fahrzeug ohne Klimaanlage, Tacho und Schnickschnack. Ein Wunsch also, den viele Fans des Halleschen FC hegen, seit der leuchtendrote Barkas B1000 als Hingucker für traditionsbewusste Ossis im Stadtbild auf und ab rast. Na gut, eher rollt. Mein Traum ging in Erfüllung. Beim Testspiel in Amsdorf. Und er dauerte länger als ich für gewöhnlich schlafe.

Zurück zu den Wurzeln lautete das Motto der geplant beschaulichen Fahrt vor die Tore von Halle. Steuermann Udo Becker und seine charmante Assistentin Lisa hatten mir erlaubt, mit ihnen im B1000 die Tour zu bestreiten. Nach Amsdorf zum Testspiel und retour. Klingt erstmal nicht sonderlich aufregend. Wurde es aber.

Schon auf den ersten Metern der relativ geräuschintensiven Fahrt war unübersehbar: Dieser Barkas ist der Renner. Eher nicht in Sachen Tempo, sondern als Blickfang. Wo auch immer der HFC-Barkas langknatterte, drehten sich die Leute staunend um. Und irgendwie anerkennend. Selten naserümpfend. Meist wohlgesonnen und lächelnd. Der vierrädrige Werbeträger verfehlt seine Wirkung jedenfalls nicht. Das wurde auch bei der ersten Rast an einem bevölkerten Platz mitten in Halle deutlich. So viele Männer haben sich bislang wohl nicht mal nach der hübschen Praktikantin umgeschaut wie nach dem rot-weißen Kleinbus. Daruter: Karamba Diaby, Mitglied des deutschen Bundestages. „Das schönste Auto von Halle“, rief der sympathisch-prominente Politiker begeistert aus und schoss ein Erinnerungsfoto. Vom Barkas, nicht von Udo Becker und seiner Begleitung.

Weiter ging die wilde Fahrt Richtung Fähre Brachwitz. Das Kopfsteinpflaster testete die Radaufhängung des betagten B1000, die Hüften der Insassen und deren Gehörmembran. Der begeisterte Bootsführer (und HFC-Fan) verzichtete dann angetan von soviel Ostalgie und Flaggezeigen auf die ihm zustehende Passage, die Packung Halloren aus dem Innenraum des Barkas erleichterte ihm offenbar die Entscheidung. Allzu weit kam das Trio mit vier Fäusten im Retro-Bus dann allerdings nicht mehr, bis die Fahrbahn vor lauter Qualm kaum noch zu sehen war. Der Kühler war bereits an der Leistungsgrenze und hatte Halle Saale noch nicht mal verlassen. Nach Erholungspause am Straßenrand ging es schließlich weiter gen B80, wo lange Steigungen für heutige Pkw kaum merklich sind. Für den Barkas schon. Der ächzte sich vorwärts, sprudelte fast über vor Hochdruck im Flüssigkeitsbehälter und jappste nach dem nächsten Stop. Da war kaum ein Kilometer nach dem jüngsten Halt bewältigt. So ging das noch eine Weile, ehe der B1000 spielerisch vom HFC-Mannschaftsbus und auch allen anderen scheinbar ps-schwachen Fahrzeugen überholt worden war. Gerade noch pünktlich vor dem Anpfiff des Testspiels erreichte Udo Becker immer noch gut gelaunt mitsamt Lisa und dem deutlich ruhiger gewordenen Gast an Bord das eigentliche Ziel. Amsdorf.

Dort hatte der tüv-geprüfte Oldtimer knapp zwei Stunden Zeit, sich bei nun nicht mehr ganz so heißen Außentemperaturen und einsetzendem Regen von der Anreise zu erholen und sich einzustimmen auf die wohl etwas entspanntere Rückfahrt mit weniger Zwangspausen. Doch die Insassen irrten gewaltig. Kaum 500 Meter waren zurückgelegt, als der Qualm im Chassis verdächtig nach Kohlenmonoxid-Vergiftung roch. Notstopp. Der erste. Dann der zweite. Und der dritte, in Teutschenthal. Bei heldenhafter Fortsetzung der mulmigen Fahrt war es bereits stockdunkel, der erneut unmittelbar einsetzende Qualm somit nur noch zu erahnen. Und zu riechen. Mitten auf der vierspurigen B80 kurz vor der Ausfahrt Pferderennbahn hatte der gute alte Barkas dann endgültig die Schnauze voll. Der spuckte die Kerze aus und wollte einfach nicht weiter. Pause hin oder her.

Es war bereits kurz vor Mitternacht, als ich meine Dienste anbot mit der hehren Absicht, das vor allem emotional wertvolle Fahrzeug vor einer einsamen Nacht am Straßenrand und etwaigem Vandalismus zu retten. Mit dem Taxi ging es zum Privatwagen, dann zur Tankstelle Abschleppseil kaufen, zurück zur Pannenstelle und dann ab in die Fahrzeugpraxis namens Werkstatt. Dumm nur, dass der Kleinbus an einer eher zerbrechlichen Stelle meines Pkw hing und diese unkluge Maßnahme nicht ohne Folgen blieb. Selbst Schuld. Der Barkas ist wieder im Einsatz. Und mein Auto in Behandlung. Ganz ohne Hingucker zu sein. Dumm gelaufen, der Ostalgie-Ausflug. Spaß gemacht hat es trotzdem. Und wie.

Von: LT / JS

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