24.06.10 - Aufsteiger 2010/11: Der TSV Havelse
Gegründet als „FC Pelikan“ | Auch Volker Finke saß schon auf der Trainerbank | Einst wie der HFC in der 2. Bundesliga
Als der Redakteur dieser Zeilen sich beim letzten Auswärtsspiel unserer Regionalligamannschaft in Lübeck über die (damals noch potenziellen) Aufsteiger für die neue Serie mit einem befreundeten Journalisten von Nord-Sport unterhielt, meinte dieser: „Ich würde mich freuen, wenn es der TSV Havelse als Traditionsverein schafft.“ Der TSV Havelse ein Traditionsverein? Ob dies auch aus mitteldeutscher Sicht so gesehen werden kann, erfahrt ihr im nachfolgenden Porträt des Staffelneulings.

Das Hinterland:
Havelse ist ein Ortsteil der Stadt Garbsen und grenzt nach Osten hin an Hannovers Stadtteil Marienwerder an. Die mit 63.000 Einwohnern nach der niedersächsischen Landeshauptstadt größte Gemeinde in der Region Hannover entstand 1968 aus dem Zusammenschluss der selbständigen Gemeinden Havelse und Garbsen und trägt in ihrem Wappen einen Habicht im Eichenlaub. Bundesweite Bekanntheit erwarb sich Havelse zu Beginn der 90er Jahre durch das Gastspiel des TSV Havelse in der 2. Bundesliga. Doch dazu später etwas mehr...

Die Historie des Vereins:
Die Gründung des „Turn- und Sportverein Havelse 1912 e. V.“ erfolgte am 5. August 1912 unter dem Namen „FC Pelikan Havelse“, da der erste Ball die Aufschrift „Pelikan“ trug. Trotz des 1. Weltkriegs konnte der Spielbetrieb immerhin bis 1916 aufrecht erhalten werden. Nach der Auflösung 1923 ging es erst zehn Jahre später mit dem Fußball im 1929 gegründeten TV Havelse weiter, der sich später in TSV umbenannte und von 1947 bis 1952 als TSV Havelse-Marienwerder antrat. Heute bietet der Verein, dessen Farben Rot-Weiß ihn schon allein sympathisch erscheinen lassen, seinen 932 Mitgliedern neben dem Fußball noch die Sportarten Tennis, Tischtennis, Turnen und Ballett an.

Der sportliche Werdegang:
Die Fußballer ließen 1955 erstmals aufhorchen, als sie die Aufstiegsrunde zur damals erstklassigen Oberliga erreichten. 1975 verpflichtete Wilhelm Langrehr den ehemaligen Nationalspieler Hans Siemensmeyer als neuen Trainer, der den TSV Havelse innerhalb von zehn Jahren von der Bezirksliga bis in Oberliga Nord führte. Die Rot-Weißen sorgten 1984 erstmals für Aufsehen, als sie am DFB-Pokal teilnahmen und gegen den VfL Bochum zuhause ein 2:2 nach Verlängerung erkämpften. Erst im Wiederholungsspiel mussten sich die Niedersachsen dem Klub aus dem Revier auswärts mit 0:4 geschlagen geben. 1986 wurde Volker Finke, der früher selbst Spieler bei Havelse war, als Trainer vom Nachbarn TSV Stelingen verpflichtet und schaffte 1989 als Oberliga-Meister die Qualifikation für die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga. In dieser belegte man aber nur den fünften und damit letzten Platz. Erst im zweiten Anlauf 1990 klappte es: Nachdem die Havelser Rang zwei in der Tabelle belegt hatten, erreichten sie selbige Platzierung in der Aufstiegsrunde, wodurch man zusammen mit dem punktgleichen VfB Oldenburg in die 2. Bundesliga aufstieg. Im entscheidenden Spiel gegen den Wuppertaler SV verwandelte Lars Peter Beike in der Nachspielzeit einen Freistoß zum 3:2-Siegtreffer. Der spätere Bundesligatrainer Volker Finke versuchte, mit dem TSV, die Klasse zu halten. Doch wegen Streitigkeiten um einen möglichen vorzeitigen Wechsel Finkes zu Hannover 96 löste dieser seinen Vertrag am 5. Oktober 1990 auf. Karl-Heinz Mrosko übernahm die Mannschaft ab dem 13. Spieltag auf dem vorletzten Tabellenrang, konnte jedoch auch keine Trendwende mehr einleiten. Mit nur 6 Siegen, 7 Unentschieden und 25 Niederlagen stieg der TSV als Tabellenvorletzter wieder ab, war aber für die Teilnahme am DFB-Pokal der Serie 1991/92 (wie auch unser HFC) qualifiziert. Hier gelang im Erstrundenspiel gegen den 1. FC Nürnberg mit einem 4:2 nach Elfmeterschießen eine Sensation. In der 3. Runde scheiterte man am SC 08 Bamberg mit 0:4. In derselben Spielzeit qualifizierte sich der TSV zudem erneut für die Aufstiegsrunde, doch wie auch 1989 schon reichte es nur zum letzten Platz. Im Folgejahr stieg der TSV Havelse dann als Letzter in die Verbandsliga Niedersachsen ab. In den Jahren danach war zeitweise Ex-Nationalspieler Ronald Worm Trainer. 1993 konnte sich der TSV Havelse nochmals für den DFB-Pokal qualifizieren und trat in der 2. Runde gegen den Karlsruher SC (u. a. mit den späteren Nationalspielern Jens Nowotny und Oliver Kahn) an, verlor allerdings mit 0:3 recht deutlich.
Übrigens: Nachdem Volker Finke 1991 Trainer des Zweitligisten SC Freiburg geworden war, erinnerte er sich an seine ehemaligen Schützlinge Stefan Beneking, Jens Todt und Thomas Vogel, die er einst in Havelse trainierte. 1991 bzw. 1992 holte er sie nach Freiburg, wo das Trio später in der 1. Bundesliga spielte. Jens Todt schaffte sogar den Sprung in die deutsche Nationalmannschaft. Auch seinen damaligen Co-Trainer Achim Sarstedt (war seit Juli 2009 Co-Trainer unter Interimscoach Lorenz-Günther Köstner beim VfL Wolfsburg) nahm Finke mit nach Freiburg.
Nachdem sich der TSV Havelse rehabilitiert hatte und 1994/95 wieder in die Oberliga Niedersachsen/Bremen aufgestiegen war, spielte man dort immer wieder um den Aufstieg mit und belegte oftmals vordere Plätze. Nach einer eigentlich guten Saison 1999/2000 mit dem 4. Platz in der Abschlusstabelle folgte eine katastrophale Spielzeit, an deren Ende der TSV den 15. Tabellenrang einnahm. Eigentlich hätte dies keinen Abstieg bedeutet, doch aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände musste der TSV Havelse doch den Weg in die Niedersachsenliga West antreten.
2001 wollte der Verein mithilfe einer Sportmarketing GmbH den Wiederaufstieg erreichen, scheiterte jedoch mit diesem Unternehmen und konnte seine Schulden erst Ende 2004 mit dem Verkauf von zwei Tennisplätzen ausgleichen. Von 2002 bis 2005 spielten die Garbsener nur noch in der Landesliga Hannover. 2005 erregte der Verein Aufsehen, da er mit Hosenwerbung auflief, was nach den DFB-Statuten nicht erlaubt ist. Nach dem Wiederaufstieg in die Niedersachsenliga nahm der Verein nach sechzehnjähriger Abstinenz wieder am DFB-Pokal teil. Allerdings war hier schon in der 1. Hauptrunde gegen den Zweitligisten TuS Koblenz (0:3) Endstation.

Aktuelles:
Zur Saison 2009/10 wechselt der ehemalige Bundesligaspieler Michael Habryka zurück zum TSV Havelse. Zudem konnte man den ehemaligen Profi und Publikumsliebling Babacar N´Diaye gewinnen, der unter anderem zuvor schon für Hannover 96 und dem FC St. Pauli auflief. Manager Stefan Pralle gelang es auch, den ehemaligen Bundesligaspieler André Breitenreiter zu verpflichten. Mit dieser Mannschaft konnte schließlich der Meistertitel mit drei Punkten Vorsprung auf den VfB Oldenburg in der Oberliga Niedersachsen West gefeiert werden. In der vergangenen Saison stellte der TSV die beste Abwehr und den zweitbesten Sturm. Von 30 Spielen wurden 21 gewonnen und nur vier gingen verloren. Da der einzige aus den Oberligen Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen für die Regionalliga NORD meldende Verein Holstein Kiel II war, der durch den Abstieg seiner ersten Mannschaft aus der 3. Liga aber für den Aufstieg gesperrt ist, sind der TSV Havelse und Eintracht Braunschweig II als Meister der beiden Niedersachsen-Staffeln West und Ost aufgestiegen. Die Relegation zwischen beiden entschied nur noch über die Niedersachsenmeisterschaft, welche sich der BTSV mit einem 3:1-Erfolg im Rückspiel (Hinspiel in Havelse 1:1) sicherte. Trainiert wird die Mannschaft übrigens von Jürgen Stoffregen, der zuvor in der Nachwuchsabteilung von Hannover 96 eine bedeutende Rolle spielte.

Das Stadion:
Der TSV Havelse spielt im Wilhelm-Langrehr-Stadion, das bereits zu Zweitligazeiten genutzt wurde. Die bis zu 6.000 Zuschauer fassende Sportstätte hieß bis 2000 TSV-Kampfbahn, ehe sie zu Ehren Wilhelm Langrehrs wegen dessen großer Verdienste um den TSV Havelse umbenannt wurde. 1933 wurde das Gelände für die Spielstätte von einem Landwirt für eine Summe von 100 Mark gepachtet und ein alter Eisenbahnwaggon als Umkleidekabine zweckentfremdet. Bis in die frühen 70er Jahre nutze man die TSV-Kampfbahn als Heimspielstätte. Nachdem man einige Jahre auf einem Spielfeld gekickt hatte, wo sich heute die Trainingsanlagen befinden, kehrte der TSV bald wieder in die Kampfbahn zurück. In der Zweitligasaison 1990/91 musste das Fernsehen reichlich improvisieren, um Zusammenfassungen der Spiele filmen zu können. Letztendlich wurden die Kameras auf dem Dach der Haupttribüne in einem kleinen Container untergebracht. Im Laufe der Zeit erhielt auch die Gegentribüne ein Dach. Insgesamt befinden sich im Wilhelm-Langrehr-Stadion 350 Sitzplätze auf der Haupttribüne, der Rest der Kapazität beläuft sich auf Stehplätze. Die Eintrittspreise in der Regionalliga betragen EUR 15,00 für den Sitzplatz und EUR 9,00 für den Stehplatz (ermäßigt: EUR 6,00).

Bekannte Spieler und Trainer:
In Havelse traten schon einige bekannte Akteure gegen das runde Leder. Auszugsweise benennen wir hier Stefan Beneking, André Breitenreiter, Volker Finke, Michael Habryka, Babacar N´Diaye, Jens Todt, Thomas Vogel, Roman Wojcicki und Frank Pagelsdorf.
Auf der Trainerbank der Niedersachsen nahmen bereits Volker Finke, Karl-Heinz Mrosko, Achim Sarstedt und Hans Siemensmeyer Platz.

Das Fazit:
Sicherlich ist der TSV Havelse für die Fußballkenner im Norden Deutschlands ein Traditionsverein. Aus hallescher Sicht kann man sich nicht nur auf ein bisher noch unbekanntes Stadion, sondern auch auf einen Kontrahenten freuen, gegen welchen es bisher zwar noch keine Pflichtspiele gab, dessen sportlicher Werdegang seit 1990 aber mit dem unseres HFC viele Gemeinsamkeiten aufweist.

JS | Ro-Heb | Foto: www.fussball-landschaft.de